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Ein Knochenjob auf heißen Öfen

Inspektoren in einem Betrieb

Unangemeldete Kontrollen

Täglich schwärmen die GoodWeave-Inspekteure zu Überraschungskontrollen in den Teppichknüpfereien aus - Widerstand in den Dörfern ist selten geworden

Kurz nach neun Uhr sind die Lunchpakete fest verschnürt, die Maschinen aufgetankt, die Kontrollisten verstaut und die Fahrer mit Helmen versorgt. Auf dem kleinen Innenhof vor dem GoodWeave-Büro in Gopiganj herrscht Aufbruchstimmung. Dabei geht es keineswegs zu einem Ausflug ins Blaue. Die GoodWeave-Inspekteure starten zu ihren täglichen Überraschungskontrollen in den Teppichknüpfereien der GoodWeave-Lizenznehmer. Heute bilden Santosh Nair und Manish Verma ein Team. Auf einer vielbefahrenen Schnellstraße erreichen sie in einer Dreiviertelstunde das Gebiet der Polizeistation Sarai Mamrej im Allahabad Distrikt. Rechts beim Markt biegen sie in unwegsameres Gelände ein. Auf holprigen, staubigen Nebenstraßen, hinweg über Schlaglöcher und vorbei an Ochsenkarren, Kühen, Ziegen und Fahrradrikschas geht es zu den entlegenen Dörfern der Weber.

Mopeds erleichtern die Arbeit

Über Mopeds verfügen die GoodWeave-Inspekteure seit 1999. "Das hat uns die Arbeit enorm erleichtert", sagt Manish Verma. "Vorher konnten wir nur mit dem Auto fahren soweit es eben ging und mussten die restliche Strecke zu den Dörfern zu Fuß zurücklegen." Ein schwieriges Unterfangen, wenn man bedenkt, dass die Inspekteure gehalten sind, mindestens acht Teppichknüpfereien beziehungsweise sechs Dörfer am Tag zu besuchen. Doch auch die Kontrollen per Moped erfordern einiges Geschick. Über Stock und Stein, auf Wegen, teilweise nicht viel breiter als die Reifenspur der Maschinen, kämpfen sich Manish und sein Kollege Santosh weiter durch. "Am schlimmsten ist es in der Regenzeit", sagt Santosh. "Dann drehen die Räder in dem Matsch auch schon mal durch und man kommt kaum vorwärts."

Heute jedoch sind die Bedingungen günstiger, das Thermometer zeigt nur etwa 32 Grad Celsius. Die heißeste Jahreszeit in Nordindien ist noch nicht angebrochen. Das Dorf Shimla Patti ist an diesem Tag die erste Anlaufstelle. Rund 40 Webstühle gibt es in dem kleinen Ort, zahlreiche Weber werden von außerhalb angeheuert. Manish und Santosh steuern ein größeres Gebäude im hinteren Teil des Dorfes an. Sieben bis acht Männer arbeiten hier an einem Webstuhl, allesamt Erwachsene. Die Inspekteure sprechen mit ihnen, notieren die Registriernummer, die auf jedem GoodWeave-Webstuhl vermerkt ist, lassen sich den Fortgang der Teppichproduktion und die gegenwärtige Auftragslage erörtern. Auch die Muster der Teppiche werden anhand papierner Vorlagen genauestens verglichen. Manish trägt alle Informationen in einen gelben Kontrollzettel ein. Mit dem Ergebnis sind die beiden Inspekteure zufrieden: In der Weberei wird ordnungsgemäß produziert, Kinderarbeit gibt es hier nicht.

Teppichknüpfen - Eine harte Arbeit

Auch im nächsten Dorf, in Dighuta, ist der Eindruck positiv. Abhayraj ist der Besitzer der Webstühle Nummer 184 und 185, an denen Varanasi Carpet - einer der GoodWeave-Exporteure - produzieren lässt. Drei Weber sind hier beschäftigt. Zwei von ihnen arbeiten gerade an einem Teppich im Herati-Muster mit einem cremefarbenen Hintergrund. Alles hier läuft planmäßig ab, es werden keine Kinder als Arbeitskräfte ausgenützt. Dennoch: Hier wie überall in den kleinen Teppichknüpfereien auf dem Land, ist erkennbar, dass die Weberei harte Arbeit bedeutet und viel Durchaltevermögen erfordert - auch für Erwachsene. In den engen, oft dunklen Hütten sitzen die Weber in einem schmalen Spalt zwischen der Wand und dem Webstuhl auf langen Holzbänken. Trotz des schwachen Lichts knüpfen sie mit flinken Fingern an den kompliziertesten Mustern, ohne auch nur einen Blick auf die Vorlagen zu werfen. "Ich brauche da nicht hinzuschauen, die Muster wiederholen sich. Und nach all den Jahren, weiß ich genau, wann ich zu welchem Faden greifen muss", wird später Shobh Nath sagen, Teppichknüpfer aus dem Dorf Kathara, das die Inspekteure am Nachmittag auch noch besuchen. Ob ihm die Arbeit, das stundenlange Sitzen hinter dem Webstuhl Spaß macht? Da zuckt der Mann nur mit den Schultern. "Eine Alternative haben wir doch nicht."

Bescheidenes Einkommen

Auch Muugi Lal sitzt in einem kleinen, dunklen Verschlag und arbeitet an seinem Teppich. Dass er zusätzlich Kinder beschäftige, das brauche man wohl nicht zu befürchten, meinen die Inspekteure lakonisch. "Mehr wie einer passt hier gar nicht hinter den Webtsuhl." Nur etwa 250 Rupien, umgerechnet 6 Euro im Monat, erzielt der Mann derzeit mit der Knüpferei, die er nur halbtags betreibt. Was noch zu seinem bescheidenen Leben fehlt, erwirtschaftet er mit etwas Gemüse- und Getreideanbau. Auch in anderen Dörfern ist die Ertragslage bescheiden. Die Knüpfer im nordindischen Teppichgürtel bekommen als erste zu spüren, wenn die Bestellungen aus dem reichen Europa zurückgehen. Mewalal zum Beispiel, der im Dorf Dihwa einen kleinen Webstuhl besitzt, arbeitet schon seit zwei Monaten nicht mehr daran - von seinem Exporteur bekam er bislang keine neuen Aufträge. Manish und Santosh klopfen dem Mann auf die Schulter. An dieser Situation können sie leider auch nichts ändern.

Inspektoren mit den Siegeln

12 Inspekteure im Einsatz

Die beiden Inspekteure sind an diesem Tag nicht als einzige auf Kontrollgang unterwegs. Von den insgesamt 17 Mitarbeitern im GoodWeave-Büro in Gopiganj sind zwölf Inspekteure. Sie alle rücken täglich zu den Kontrollen aus - immer zu zweit, und ohne am Vortag zu wissen, wo es am nächsten Morgen hingeht. Ihre Instruktionen erhalten die Kontrolleure erst kurz vor Abfahrt. "Auf diese Weise stellen wir sicher, dass es bei unseren Kontrollen mit rechten Dingen zugeht", sagt Rashid Raza, Koordinator für Inspektion und Monitoring. "Es wäre nicht möglich, dass ein GoodWeave-Kontrolleur die Weber in einem Dorf vorher warnt, weil er ja selbst nicht weiß, wann dort inspiziert wird." Bei ihren Kontrollen setzen die GoodWeave-Inspekteure vor allem auf Einsicht. Wird irgendwo ein Arbeiter unter 14 Jahren gefunden, dann versuchen sie, den Webstuhl-Besitzer davon zu überzeugen, dass es besser ist, das Kind freizulassen und in das GoodWeave-Rehabilitationszentrum nach Balashray zu schicken. "Manche widersetzen sich", weiss Sanjeev Mishra, Manager des Zentrums, "doch andere sind clever und kooperieren mit uns. Sie wissen, wenn sie die Kinder weiter beschäftigen und staatliche Kontrolleure kommen, dann drohen harte Strafen von Bußgeldern über 20.000 Rupien bis zu sechs Monaten Haft."

 

Schule statt Arbeit

GoodWeave-Exporteure, die Kinderarbeit in ihren Reihen dulden, verlieren außerdem sofort ihre Lizenz. Wer sich jedoch einsichtig zeigt und die Jungen zur Ausbildung nach Balashrya schickt, mit dem arbeitet die Organisation weiterhin zusammen. Dabei unterscheiden die Inspekteure stets zwischen bonded labour, direkte Zwangsarbeit, die sie nicht dulden, und sogenannter family labour - also gelegentliche Mitarbeit der eigenen Kinder in den Teppichknüpferfamilien. Diese Art der Mithilfe wird von GoodWeave akzeptiert - vorausgesetzt, die Kinder werden auch regelmäßig zur Schule geschickt. Seit Januar 2002 fanden die Inspekteure bei ihren überraschenden Kontrollen noch fünf Kinderarbeiter. "Doch ihre Zahl wird weniger", sagt Manish. "Die meisten die für GoodWeave arbeiten, wissen inzwischen, dass wir das nicht erlauben."

Gefährliche Situationen sind selten

Gefährliche Situationen, so der Inspekteur weiter, in die gerate er eher selten. Doch auch sie kommen vor, wie in diesem Dorf, das Manish vor einem Jahr besuchte. "Wir fanden Kinderarbeiter dort und die Webstuhl-Besitzer waren überhaupt nicht bereit, sie freizulassen. Sie widersetzen sich uns. Manche hatten sogar Waffen. Dann haben wir unser Hauptbüro in Dehli angerufen und darum gebeten, die Polizei einschalten zu dürfen. Dafür brauchen wir nämlich eine spezielle Erlaubnis. Wir kamen mit der Polizei wieder, und die Dorfbewohner liefen weg. Dann befreiten wir die Kinder." Trotz solcher Erlebnisse lieben Manish und sein Kollege Santosh ihren Job. "Doch das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das eine ganz schöne Knochenarbeit ist", sagen sie - und schwingen sich wieder auf ihre Mopeds.

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