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"Vorbeugung ist wichtig für uns"

 

Ein Interview mit Ajay Singh Karki, Executive Director der Nepal RugMark Foundation.

Ajay Singh Karki

GoodWeave

Was sind die Ziele von RugMark?

Ajay Singh Karki

RugMark, bzw. jetzt GoodWeave, hat zum Ziel, ausbeuterische Kinderarbeit in der Teppichindustrie abzuschaffen. Und zwar nicht nur die Kinder aus den Teppichfabriken zu holen, sondern auch, ihnen Alternativen zu bieten, was ihre Ausbildung und Lehre angeht.

RugMark wurde 1995 gegründet, um den Konsumenten die Sicherheit zu bieten, dass der Teppich, den sie kaufen, ohne ausbeuterische Kinderarbeit produziert wurde.

Wenn wir Kinder an Webstühlen finden, retten wir sie. Dafür gibt es zwei denkbare Wege: Wenn es möglich ist, kehren die Kinder zu ihren Familien in ihre Dörfer zurück. Dort unterstütz RugMark ihre Ausbildung in den örtlichen Schulen bis zur zehnten Klasse oder bis sie 18 Jahre alt sind. Das heißt, RugMark kommt für die Schulgebühren auf, für Schuluniformen, Bücher, Schreibmaterial usw. Sind die Kinder jedoch Waisen oder können aus anderen Gründen nicht zu ihren Familien zurück kehren, dann bringen wir sie in RugMark Rehabilitationszentren. Sie wohnen also bei uns. Wenn sie in ein Zentrum kommen, werden sie zuerst medizinisch behandelt, dann nehmen wir ihre Daten auf, geben ihnen neue Kleidung und etwas zu Essen. Meistens dauert es dann nicht lange, bis sie anfangen, sich einzuleben und wohlzufühlen.

GoodWeave

Wie sieht die Ausbildung in den Zentren aus?

Ajay Singh Karki

Die Ausbildung bei uns, auch wenn sie als nicht formell gilt („non formal“), ist anspruchsvoll („accelerated education“). Wir möchten, dass die Kinder sehr schnell aufholen. Wir haben vier Klassen. Ein Semester entspricht in der Regel sechs Monaten, einige Kinder benötigen etwas länger, um mit den anderen auf ein Niveau zu kommen.

Die meisten Kinder, die wir in die Zentren bringen, sind elf oder zwölf Jahre alt. Einige von ihnen haben bereits früher die Schule besucht. Wir berücksichtigen die vorhandenen Kenntnisse. So können Kinder auch direkt in höheren Semestern einsteigen. Kinder ohne jegliche Vorkenntnisse beginnen mit dem ersten Semester, dort lernen sie englische und nepalesische Buchstaben und Zahlen. Wenn sie das vierte Semester im Rehabilitationszentrum abgeschlossen haben, sollte ihr Bildungsstand dem von Klasse 3 einer öffentlichen Schule entsprechen. Anschließend können sie auf eine normale Schule wechseln.

Nicht jedes Kind schafft es, den Anschluss zu finden. Im vierten Semester nehmen wir daher eine Bewertung vor. Je nach Ergebnis schicken wir die Kinder dann möglicherweise auch auf eine weiterführende Schule. Das ist eine sehr gute Privatschule, für die RugMark ebenfalls die Kosten bis zur zehnten Klasse bzw. bis zum 18. Lebensjahr übernimmt. Je nach Bildungsgrad, kann ein Kind auch eine praktische Ausbildung machen.

GoodWeave

In welchen Bereichen werden die Jugendlichen ausgebildet?

Ajay Singh Karki

In Tischlereien, bei Elektrikern, Motorradmechanikern, in Druckereien; das richtet sich nach dem Bedarf. Normalerweise dauert so eine Ausbildung zwischen sechs Monaten und einem Jahr. Danach versuchen wir, den Jugendlichen einen Job zu vermitteln. Wir stellen ihnen dann für den ersten Monat ein Zimmer zur Verfügung, statten es komplett aus mit allem, was sie zum Leben brauchen. Und sie werden mit Essen versorgt. Sozusagen als Starthilfe, denn meist bekommt man das Gehalt nicht am Monatsanfang. In einigen Fällen haben wir auch zwei Monate Unterstützung geleistet, weil der Arbeitgeber nicht pünktlich gezahlt hatte. Die Jugendlichen kommen dann zu uns, denn sie wissen, dass sie Unterstützung finden. Danach müssen sie ihr Leben selbstständig führen. Das ist, was wir mit den geretteten Kindern tun, die in die Zentren kommen.

Und wie gesagt, Kinder, die zurück zu ihren Familien gehen, bekommen ebenfalls ihre Ausbildung finanziert. Sehr armen Familien zahlen wir auch etwas für die Ernährung der Kinder. Die Familien erhalten dann 1.000 Rupien (ca. 9 Euro) im Monat, vorausgesetzt das Kind geht weiterhin zur Schule. Das ist auch eine Art Kontrollmechanismus. Wichtig ist uns, dass die Kinder nicht in die Stadt kommen. Sie sollen in ihrer Dorfgemeinschaft leben, bei ihren Familien, und Lesen und Schreiben lernen.

GoodWeave

Wie werden die Kinder aus den Fabriken geholt? Wie arbeiten die Inspektoren?

Ajay Singh Karki

RugMark hat zwei Hauptaufgaben: Inspektion/Kontrolle/Zertifizierung und Rehabilitation. Darüber hinaus gibt es noch Prävention und Promotion.Für den ersten Teil, Inspektion, Kontrolle, Zertifizierung („Inspection, Monitoring, Certification“), arbeiten vier Inspektoren. Wir haben 120 Lizenznehmer mit insgesamt 372 Teppichfabriken, die unsere Inspektoren alle überwachen. Zum Glück sind 95 Prozent der Fabriken hier im Kathmandu Valley, das erleichtert die Arbeit. Wir haben die Kathmandu-Zone in vier Teile aufgeteilt. Jeder Inspektor ist zwei Wochen lang in einer Zone unterwegs und wechselt danach in die nächste. Die Inspektoren arbeiten von ca. 7 oder 8 Uhr morgens bis 19 oder 20 Uhr abends. Nachmittags haben sie Zeit für eine Pause und um ihre Berichte ins Büro zu bringen.

Wenn sie ein Kind in einer Fabrik finden, versuchen sie herauszufinden, wie lange das Kind schon dort gearbeitet hat, wer die Eltern sind, welchen Hintergrund das Kind hat. Und ob es zurück nach Hause zu den Eltern geschickt werden kann. Das ist immer unser oberstes Anliegen. Wir wollen, dass das Kind mit seinen eigenen Eltern aufwächst, in seinem eigenen Umfeld. Bisher haben wir 2047 Kinder in den Fabriken gefunden und herausgeholt. Davon haben 914 Kinder gesagt „Okay, wir möchten Teil von RugMark sein.“ Der Rest wollte nicht, sie sind zwar aus den Teppichfabriken gegangen, aber arbeiten jetzt wahrscheinlich in anderen Produktionen. Das ist das Traurige, da kann RugMark dann nichts gegen tun. Unser Programm ist ja absolut freiwillig. Auch die Teppichhersteller, die RugMark Lizenznehmer werden, tun dies ja freiwillig. Wir können niemanden zwingen. Aber wir sind froh, dass die Konsumenten Teppiche mit unseren Labels nachfragen. Und die Labels vergeben wir nur, wenn sowohl der Exporteur als auch der Importeur RugMark Lizenznehmer sind.

GoodWeave

Welche Informationen lassen sich genau von den Labels ablesen?

Ajay Singh Karki

Die Labels sind Sticker, die mit einer Software nummeriert werden. Mit dem jeweiligen Code kann zurückverfolgt werden, von welchem Importeur bzw. Exporteur der Teppich stammt.  Die Nummerierungen  werden von den GoodWeave – Büros in den Herstellerländern vorgenommen. Mit den Codes sorgen wir für mehr Kontrolle und Transparenz.

Die Importeure zahlen 1%, die Exporteure 0,25% des Rechnungspreises an RugMark. Von den 0,25% werden administrative Kosten abgedeckt, der Rest wird für Rehabilitation und soziale Programme verwend

GoodWeave

Was leistet RugMark an Präventionsarbeit?

Ajay Singh Karki

Prävention ist uns sehr wichtig. Unsere Präventivprogramme  besteht aus drei Teilen: Es gibt Day Care Centers für die Kinder der Arbeiterinnen in den Teppichfabriken. Sonst würden die Kinder an der Arbeitsstätte ihrer Eltern spielen, an den Webstühlen, sie würden Wollpartikel und Staub einatmen und wenn ein großer Auftrag einginge, bestünde die Gefahr da, dass die Kinder mitarbeiten würden. Die Ausgaben, um ein Kind von vornherein von der Kinderarbeit fernzuhalten, sind geringer, als sie später davon zu befreien. Daher haben wir die Day Care Centers für Zwei- bis Sechsjährige eingerichtet. Momentan haben wir in drei Zentren mit einer Gesamtkapazität von 250 Kindern.

Für die Erwachsenen hat RugMark ebenfalls ein Bildungsangebot, das so genannte Awareness Programme. Wir klären die Arbeiter auf über Themen wie Gesundheit und Hygiene, was sie für ihre Gesundheit tun können, welches Essen gesund ist.  Wir reden auch über Rechte von Kindern und Frauen, über Themen wie AIDS und Familienplanung. Wir vermitteln den Arbeitern praktisches Wissen für ihr Leben („Life skills“). Das ganze machen wir an drei Terminen, meist an Samstagen, das ist in Nepal wie in Europa der Sonntag. Das ist also der Tag, an dem sie nicht arbeiten, und dann kommen wir für eine Stunde zu ihnen mit dem Awareness Programm.

Die Regierung hat das Mindestalter, um zu arbeiten, von 14 auf 16 angehoben. Aber wir können Kinder über 14 Jahren nicht aus den Fabriken holen. Mädchen sind dann oft schon verheiratet und haben Kinder.  Die über 14-Jährigen führen Erwachsenenleben. Wir können sie nicht von der Arbeit wegholen. Aber wir bieten ihnen etwas anderes: Bildung. Sie kommen für eine Stunde zu uns und werden von ehemaligen RugMark-Kindern unterrichtet. Dadurch erhalten sie ein kleines zusätzliches Einkommen.

GoodWeave

Was ist das Konzept hinter dem neuen GoodWeave-Label, wofür steht das Label?

Ajay Singh Karki

Mit GoodWeave gehen wir noch einen Schritt weiter, was neue Standards angeht. Die Abschaffung von Kinderarbeit bleibt der Grundgedanke unserer Arbeit. Darüber hinaus wollen wir langsam neue Standards einführen, die Arbeitsbedingungen und die Umwelt betreffen. Zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen gehört zum Beispiel das Recht sich zu versammeln. Außerdem soll in den Produktionsstätten Trinkwasser zur Verfügung stehen, die Arbeitsumgebung hell sein und gut funktionierende sanitäre Anlagen existieren. Insgesamt müssen  die Fabriken sauberer werden.  Außerdem gibt es Umweltthemen: Wenn das Garn gefärbt wird, gelangt das Wasser  jetzt direkt ins Kanalsystem. Zukünftig soll das Abwasser zunächst behandelt und gereinigt werden. Dasselbe gilt für das Waschen des Teppichs. Es handelt sich eigentlich um Basics, aber es wird nicht umgesetzt. Dies ist ein weiteres Thema für die neuen Standards.

GoodWeave

Wie weit ist die Implementierung dieser neuen Standards?

Ajay Singh Karki

Die Standards sind noch in der Entwicklung, so etwas braucht Zeit. Aber innerhalb der nächsten drei Jahre sollten sie umgesetzt sein. Als erstes wird es um die Arbeitsbedingungen gehen. Wir beginnen in Nepal, danach wird es in Indien weitergehen. GoodWeave wird seinen Bereich erweitern. RugMark bezieht sich ja nur auf Teppiche, wie der Name schon verrät. GoodWeave wird für gewebte Materialien stehen, also auch für Stoffe, Kleidung und Pashminas.

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