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„Ich sehe vieles in Deutschland jetzt mit anderen Augen“

 

Ein Jahr als junge Freiwillige in einem GoodWeave Projekt in Nepal

Zwölf Monate verbrachte Lara Kloßek, 19, im Rahmen des „weltwärts“- Programms des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) in einem GoodWeave-Rehabiliationsprojekt in Nepal. Die Begegnung mit dem Land, seiner Kultur und die Arbeit mit den ehemaligen Kinderarbeitern aus den Teppichfabriken haben ihr Bewusstsein für die Welt verändert, sagt die junge Frau. Das „weltwärts“-Jahr wurde so zu einer Erfahrung, die sie nicht mehr missen möchte. In unserem Interview berichtet sie von ihren Eindrücken und Erlebnissen und ihren wichtigsten Erkenntnissen in und aus dieser Zeit.

Ajay Singh Karki

GoodWeave

Frau Kloßek, für Sie war es der erste Aufenthalt außerhalb Europas, der erste Besuch in einem so genannten Entwicklungsland. Können Sie sich noch daran erinnern, was Sie bei Ihrer Ankunft gedacht und gefühlt haben?

Lara Kloßek

Ich war erst einmal geschockt, von dem vielen Dreck und Müll, den ich auf den Straßen sah. Ich hatte mir Nepal zunächst ganz anders vorgestellt. So manche Fernsehdokumentation vermittelt einem da ja ein falsches Bild. Man sieht da nur romantische Landschaften, viel Kultur und so. Dass Kathmandu – die Hauptstadt des Landes – eine Großstadt ist, mit großen, modernen Häusern und eben auch viel Lärm und Dreck, das sieht man da nicht. Doch irgendwann hatte ich mich daran gewöhnt. Da gehörte das dann eben zum Alltag. GoodWeave hat zum Ziel, ausbeuterische Kinderarbeit in der Teppichindustrie abzuschaffen. Und zwar nicht nur die Kinder aus den Teppichfabriken zu holen, sondern auch, ihnen Alternativen zu bieten, was ihre Ausbildung und Lehre angeht.

GoodWeave

Wie leicht oder schwer war es, zur Bevölkerung Kontakt zu bekommen?

Lara Kloßek

Der Schlüssel ist die Sprache. Wenn man die spricht, wird es erheblich leichter. Ich konnte nach drei Monaten ganz gut Nepali. Das lag wohl auch daran, dass ich im GoodWeave Kinderheim gearbeitet habe und dort praktisch gezwungen war, so schnell wie möglich, die Sprache zu lernen. Denn die Kinder sprachen kein Englisch und die Mehrzahl des Personals, außer ein paar Lehrern, auch nicht. Meine Nepali-Kenntnisse haben dann viel verändert. Die Leute werden viel offener, wenn man ihre Sprache spricht. Ich habe in einem Dorf außerhalb von Kathmandu gewohnt und mich dort nach einer Weile wie zuhause gefühlt. Ich wurde zum Tee bei den Nachbarn und zu vielen Festen eingeladen.

GoodWeave

Was haben Sie im Kinderheim genau gemacht?

Lara Kloßek

Ich habe dabei geholfen, die Kinder in Mathe, Biologie, Naturwissenschaften und am Computer zu unterrichten. Sonntags haben wir zusammen Fußball gespielt und Malaktionen veranstaltet. Dabei konnte ich ein paar Lernmethoden aus Europa in den Unterricht einbringen, zum Beispiel kreatives Arbeiten. Denn in Nepal lernen die Kinder sonst oft nur durch Nachsprechen und Auswendiglernen.

Ajay Singh Karki

GoodWeave

Wie haben die Kinder denn Sie, die junge Frau aus dem fremden Land aufgenommen?

Lara Kloßek

Die haben mich behandelt, wie ein Familienmitglied, wie eine Schwester. Sie waren allerdings auch schon an Volontäre gewöhnt, weil ich nicht die erste bin, die im Rahmen eines solchen Freiwilligen-Programms zu ihnen gekommen ist.

GoodWeave

Waren die Kinder bereit, auch von ihren schlimmen Erlebnissen aus ihrer Zeit als Teppichknüpfer zu erzählen?

Lara Kloßek

Ja, durchaus. Ich habe viele dieser Geschichten erfahren. Zum Beispiel von Samir Thoka, einem etwa zwölf Jahre alten Jungen. Ganz genau wusste er in Alter nicht, wie so viele dort. Er hatte etwa ein halbes Jahr in einer Teppichfabrik gearbeitet. Er kam aus der Region Terrai, aus einer sehr armen Bauernfamilie. Deshalb hatten die Eltern ihn zum Arbeiten in die Teppichknüpferei nach Kathmandu geschickt. Etwa zwei Euro Lohn im Monat, so hat Samir mir erzählt, habe er dort bekommen. Er habe zwölf Stunden am Tag dort gearbeitet. Nach sechs Monaten wurde er von einem GoodWeave-Inspektor gefunden und befreit.

GoodWeave

Haben die Kinder auch über Misshandlungen berichtet?

Lara Kloßek

Ja, viele sind geschlagen worden, wenn sie angeblich nicht schnell oder nicht sauber genug gearbeitet haben. Einige wurden sogar mit Eisenstangen geschlagen.

GoodWeave

Wie sind Sie persönlich mit diesen erschütternden Erzählungen umgegangen?

Lara Kloßek

Es war natürlich nicht leicht, sich so etwas immer wieder vor Augen zu führen. Wichtig aber war es mir, die Kinder wie ganz normale Kinder zu behandeln. Bevor ich nach Nepal kam, dachte ich, dass die ehemaligen Kinderarbeiter, auf die ich da treffen würde, vielleicht verschüchtert und kaum ansprechbar seien. Aber vor Ort war ich dann positiv überrascht. Die haben genauso fröhlich gespielt, wie andere Kinder auch. Nur wenn man länger mit ihnen geredet hat, konnte man merken, welch’ schwere Zeit hinter ihnen liegt.

Man muss auch sehen, dass die Kinder wieder Kontakt zu ihren Eltern haben und keineswegs wütend oder böse auf sie sind, weil die sie einst zum Arbeiten geschickt haben. Das liegt wohl daran, dass sie aus einem Umfeld kommen, in dem Kinderarbeit weit verbreitet und selbstverständlich ist. Häufig haben auch schon die Geschwister als Teppichknüpfer gearbeitet.

Kinder Nepal

GoodWeave

Gab es auch gefährliche oder schockierende Situationen, in der Zeit, als Sie im Kinderheim in Nepal waren?

Lara Kloßek

Einmal kam der Besitzer einer Teppichfabrik und wollte ein Kind zurückholen. Doch das Personal hat ihm nicht aufgemacht. Sie schützen diese Kinder und holen notfalls auch die Polizei. Schockierender war ein anderes Erlebnis. Es ist üblich, dass die Kinder in den Ferien zu ihren Verwandten nach Hause fahren. Ein Mädchen, das von ihrem Onkel abgeholt worden war, kam danach mit schweren Verletzungen im Gesicht wieder. Sie war offenbar heftig geschlagen worden. Als ich sie darauf ansprach, stritt sie jedoch alles ab. Was mich schockierte, war, dass selbst das Personal im Kinderheim demgegenüber offenbar gleichgültig blieb und weiter nichts unternahm. Für die Leute dort schien das normal zu sein. Das hat mich sehr mitgenommen. Ich habe dann mit einer nepalesischen Freundin darüber gesprochen. Sie hat das Verhalten nicht entschuldigt, mir aber doch vor Augen geführt, dass die Lehrer schon seit 15 Jahren in diesem Zentrum arbeiten, schon viel Schreckliches gesehen haben und die Verhältnisse in Nepal eben andere sind. Leider ist es vielfach – auch in den Schulen – normal, dass Kinder geschlagen werden. Im Kinderheim allerdings habe ich niemals so etwas beobachtet. Wäre das der Fall gewesen, dann hätte ich auch nicht mehr ruhig bleiben können, sondern etwas unternommen.

GoodWeave

Wollten die Kinder auch von Ihnen wissen, wie es denn in Deutschland so ist?

Lara Kloßek

Ja, absolut. Die waren sehr neugierig und haben sich oft nach meinem Land und meiner Familie erkundigt. Wir haben auch St. Martin und Weihnachten zusammen gefeiert. Viele von ihnen kannten das überhaupt nicht. Ich habe ihnen den Sinn der Feste erklärt, zu Weihnachten auch kleine Geschenke gemacht – das fanden die natürlich super. Wir haben auch einen Baum geschmückt, und ich habe die Weihnachtsgeschichte erzählt. Danach haben wir zu Hindi- und Nepali-Musik getanzt, etwas, was eigentlich gar nicht zu Weihnachten passt. Aber diese kulturelle Mischung war unheimlich toll. Und das habe ich oft erlebt bei Festen, dass man kulturübergreifend etwas Schönes zusammen machen konnte.

GoodWeave

Was waren und sind für Sie die wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse, die Sie von ihrem Einsatz in Nepal mitgenommen haben?

Lara Kloßek

Wenn man aus so einem Land wieder nach Deutschland zurückkehrt, sieht man, was für Privilegien wir hierzulande haben. Man sieht die Dinge anders als vorher. Und man merkt auch, dass wir uns oft über Kleinigkeiten aufregen - im Vergleich zu den Menschen, die wirkliche Probleme haben.

GoodWeave

Glauben Sie, dass die Arbeit von GoodWeave – zum Beispiel auch die Kontrollen in den Teppichfabriken – weiterhin nötig ist?

Lara Kloßek

Ja, auf jeden Fall. Es müsste sogar noch mehr Organisationen geben, die so etwas machen. Denn Kinderarbeit kommt in Nepal nicht nur in den Teppichknüpferein vor. Man sieht sie überall – auf dem Markt, im Haushalt, in den kleinen Bussen auf der Straße. Das ist ein allgemeines Problem im Land, das noch lange nicht gelöst ist.

GoodWeave

Was kann man von Deutschland aus tun, um den Kindern in Nepal zu helfen?

Lara Kloßek

Man kann natürlich so etwas wie Fundraising machen, also Spenden sammeln. Das hilft auch sicher kurzfristig. Doch einfach nur Geld hinschicken, ist letztlich nicht die Lösung, finde ich. Besser ist es, das eigene Konsumverhalten zu ändern. Da kauft man lieber mal nur ein T-Shirt, statt zehn, das ein bisschen teurer ist, dafür aber garantiert nicht aus Kinderarbeit stammt. Insgesamt hat sich meine Einstellung zur Entwicklungshilfe durch meinen Aufenthalt in Nepal verändert. Ich bin da kritischer geworden. Es gibt auch viele Organisationen, die kaum etwas bewirken. Und einfach nur Geld geben, wie gesagt, das bringt nichts. Es ist auch arrogant, denn die Länder werden erneut von uns abhängig. Stattdessen muss man mit ihnen zusammen vor Ort sinnvolle Projekte entwickeln. Dazu allerdings muss sich auch die dortige Politik ändern. Und da können wir von außen nur wenig daran ändern.

GoodWeave

In jüngster Zeit ist eine Debatte auch um das „weltwärts“-Programm entbrannt. Kritiker sagen, es bringt nichts, wenn junge, zum Teil noch unerfahrene Leute in die Entwicklungsländer reisen. Das Geld könne man für andere Projekte vor Ort sinnvoller ausgeben. Was würden Sie nach Ihrer Erfahrung in Nepal jemandem sagen, der diese Kritik äußert?

Lara Kloßek

Ich würde ihn zunächst mal darauf hinweisen, dass „weltwärts“ ja ausdrücklich ein Lernprogramm ist. Mir ist bewusst, dass wir, die wir dort hingehen, viel mehr davon profitieren, als wir geben können. Doch das ist ja auch gerade die Idee dahinter. So können wir uns weiterentwickeln. Wir werden für die Probleme von Armut und Entwicklungszusammenarbeit sensibilisiert. Dabei kommt es gar nicht in erster Linie auf das eine Jahr an, das wir in einem Land wie Nepal verbringen, sondern darauf, was wir danach aus dieser Erfahrung machen. Wir transportieren unsere Eindrücke und Erkenntnisse ja auch weiter – schon allein in der Familie oder unter Freunden. Man kann danach ja auch in die Politik gehen oder sich sonst wie engagieren.

Allerdings fände ich es schon besser, wenn das „weltwärts“-Programm nicht so einseitig wäre. Nicht nur wir aus Europa sollten die Chance haben, zu reisen. Umgekehrt sollte auch jungen Freiwilligen aus den Entwicklungsländern die Möglichkeit gegeben werden, für ein Jahr in einem sozialen Projekt bei uns zu arbeiten. Dann könnten sie selber ganz direkt erfahren, wie wir hier leben, wie unsere Gesellschaft funktioniert – und einiges davon auch in ihre Heimat zurücktransportieren. Zum Beispiel, dass man Kinder nicht schlagen soll. Auf diese Weise könnte sich vielleicht wirklich was verändern. Das fände ich schön – und das wäre dann auch ein echter Austausch.

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