
Ein Interview mit Jürgen Dahlmanns, Teppichdesigner und Betreiber der Firma RUG STAR.
Auf Ihrer Homepage sprechen Sie von “Love Stories”. Wie fing Ihre Liebe zu den tibetanischen Teppichen an?
Es begann alles mit meinem ersten Besuch in Nepal. Ich machte eine der schönsten Trekking-Touren, die man im Himalaya machen kann, den „Annapurna Dhaulagiri“ Trek. Zwei Wochen wanderte ich durch die Berge. Als ich von der Pilgerstätte “Muktinath” hinabstieg, fand ich in einem alten Bergdorf meinen ersten alten tibetanischen Teppich, einen “Khaden” – eine traditionelle Matte zum Sitzen oder Liegen mit der typischen Größe von 100 x 150 cm.

Wie haben Sie dann die Teppichkünstler in Nepal kennengelernt?
Als ich zurück im Kathmandu Tal war, ging ich in das tibetanische Viertel “Bhouda”. Dort haben die Exil-Tibetaner einst ihre traditionelle Teppichproduktion gestartet – den handgeknüpften tibetanischen Teppich. Ich unterhielt mich mit den Knüpfern sofort über allerlei technische Details und flog zurück nach Berlin mit der Idee, eines Tages meinen eigenen Teppich zu produzieren. Doch es dauerte mehr als zehn Jahre bis zur Umsetzung dieser Idee, denn ich brachte erst mein Architektur-Studium zu Ende und arbeitete dann als Projektmanager für das Berliner Museumsviertel.
Ich begann aber bereits in dieser Zeit, meine eigene Sammlung tibetanischer Teppiche aufzubauen. Im Alter von 33 Jahren hatte ich 24 „Khadens“ in meinem Haus in Wien. Doch ich hatte ein Problem: Alle Teppiche hatten die gleiche Größe – und ich konnte mit ihnen so keine unterschiedlichen Räume schaffen. Ich brauchte größere Teppiche. Denn Teppiche sind wie Architektur, nur freier. Sie können Räume schaffen ohne Mauern ziehen zu müssen. Ich suchte also nach einem größeren Teppich, fand aber hierzulande nichts Passendes. Und da brachten mich meine Recherchen zurück an den Ort, den ich zehn Jahre zuvor bereits besucht hatte.
Warum haben Sie sich schließlich entschieden, mit den Teppichknüpfern in Nepal zusammen zu arbeiten?
Ich glaube, die Verbindung, die ich mit den Menschen in Nepal habe, ist vielschichtig und kaum in wenigen Worten zu erklären. Die Entscheidung, eine Produktion mit den Tibetern und Nepali aufzubauen, hatte nicht nur mit dem Produkt selbst zu tun, sondern auch mit der Begegnung mit Land und Leuten. Es war von Anfang an auch ein soziales Engagement – so wie wir es auch mit Freunden oder mit der Familie haben.
Irgendwie habe ich gespürt, dass meine ethischen Überzeugungen zu dem System dieser Menschen und zu ihrem Produktionsprozess passen. Es ist leicht, eine Situation zu verändern und das Leben einiger Menschen zu verbessern, einfach, indem man ein bisschen aufmerksamer ist und etwas mehr Energie, Zeit und Geld investiert.

Wie bezahlen Sie Ihre Leute?
Die Arbeiter und Arbeiterinnen bekommen jede Woche einen Lohn. Der basiert auf einem Grundlohn und einem Bonussystem. Im Moment sind die Zeiten etwas schwierig, weil die Partei der Unions und der Maiosten fast jede Woche ein neues Zahlungssystem propagiert.
Mit wem arbeiten Sie vor Ort hauptsächlich zusammen?
Da ist zunächst mein Freund und Partner, Lok Darshan Lama. Er stammt ursprünglich aus den Bergen, aus einer sehr armen Familie. Als Waise hatte er eine schwere Kindheit, doch er schaffte es als erster aus seinem Dorf, eine Ausbildung zum Lehrer zu machen. Später verließ er sein Dorf und begann, in der Teppichproduktion zu arbeiten. Heute leitet er die Produktion in Bhaktapur.
Unsere ethischen Überzeugungen und unsere Talente kamen hier also zusammen. Ein Teil meiner Classic Collection stelle ich aber auch gemeinsam mit der wundervollen Tibeterin Dolma Lob Sang her, die ich 2007 in Nepal kennen lernte. Sie übernahm bereits im Alter von 20 die Teppichproduktion ihres Vaters, weil der Priester werden wollte. Dolma ist ebenso sehr stark in soziale Projekte engagiert und achtet auf die sozialen Bedingungen rund um die Produktion.
Welche sozialen Projekte gibt es bei Ihnen in Bhaktapur?
Die Produktionsstätte in Bakthapur verfügt über eine Schule, eine Kindertagesstätte und ein kleines Krankenhaus. Jeden Tag kommen verschiedene Ärzte hierher – ein Allgemeinmediziner, ein Frauenarzt, ein Kinder- und ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Für die Arbeiter und Arbeiterinnen sind Arztbesuch und Medikamente kostenlos. Das alles wurde ins Leben gerufen zusammen mit Lok Darshan Lama und Jenny Jones, Freunde und ebenfalls Designer aus Perth in Australien. Gemeinsam wollten wir ein Arbeitsumfeld und –ethos schaffen, auf das wir stolz sein können.
Ihre Designs sind auch von Kindern aus Nepal inspiriert?
Das hat mit dem “Childeren Heal Art Project” (Chap) meines guten Freundes Frank Etxaniz zu tun. Er geht zusammen mit Künstlern zu Kindern in die Krankenhäuser. Dort wird gemalt und gezeichnet. Wir haben einige der Zeichnungen, die so bei „CHAP“ entstanden sind für die tibetanischen Teppiche verwendet. Frank kam dazu mit etwa hundert Kindern nach Berlin – eins von ihnen schrieb in bunten Buchstaben: „Life is good.“ In der Ecke war eine Sonne aufgemalt, die Urlaub macht und eine Sonnenbrille trägt. Wir verwendeten auch das und es war der Anfang der Kollektion „Hand Writings“.
Warum arbeiten Sie mit RugMark zusammen?
Ich bin der Überzeugung, dass wir als Produzenten wie auch als Konsumenten Verantwortung für unsere Aktivitäten haben. Alle unsere Handlungen haben globale und soziale Auswirkungen und wir damit die Verpflichtung, diese zu überprüfen um sicher zu stellen, das wir der Welt und den Menschen keinen Schaden zu fügen. Da diese Aufgabe sehr komplex ist, macht es Sinn, sich mit Organisationen wie RugMark zusammen zu schließen, denn diese haben die Erfahrung und auch die Ressourcen vor Ort, die zum Beispiel in Nepal nötig sind, um jeden Teppich und die Produktionsstätten zu prüfen und sicher zu stellen, das weder Kinderarbeit noch schlechte Arbeitsbedingungen herrschen. Ich schätze die Arbeit von RugMark sehr.
Was erwarten Sie von dem neuen Siegel GoodWeave?
Auf die Zusammenarbeit mit GoodWeave freue ich mich sehr. Der Name und das Zeichen ist an sich schon für den Kunden viel eindeutiger. Er sieht ja das Siegel auf jedem unserer Teppiche. Dies ist ein guter Start, um über die Aspekte des Fairen Handels zu sprechen, was mir im Gespräch mit meinen Kunden sehr wichtig is. Und ich sehe auch, dass es dem Kunden immer wichtiger wird. Wir müssen an diesem Punkt weiter machen und für das Thema werben und Sensibilität schaffen, so dass es eine Grundlage wird, auf die niemand mehr verzichten kann.
Lange Zeit wurde der Teppich totgesagt – weil neue Moden, wie Parkett oder Laminat in die Wohnungen der wohlhabenden Menschen Einzug hielten. Wie beurteilen Sie heute die Entwicklung auf dem Teppichmarkt und die aktuelle Lage der Teppichindustrie?
Der Teppich hatte schon seit ein paar Jahren wieder ein großes „Come Back“. Das kann man heute an jedem hochwertigen Magazin erkennen und auch die großen, Trend setzenden Möbelmarken aus Italien versuchen sich nun mit eigenen Kollektionen an diesem Produkt.
Der Teppich, und besonders der von Hand geknüpfte Teppich, liegt voll im Trend unserer Zeit, der bedeutet, sich mit Dingen zu umgeben, die Charakter haben. Man spürt die Sehrsucht nach Dingen, die die Möglichkeit in sich tragen, mit der Zeit und mit uns zu altern und dabei Patina zu entwickeln - und damit auch schöner zu werden. Teppiche sind Seelenflächen in unserer Einrichtung auf die keine Wohnung mehr verzichten sollte.
Ein Interview mit Marcel Zelmanovitch, Firmengründer und Inhaber der Teppichgalerie Diurne
Dass sich Schönheit, Qualität und Moral nicht nur nicht ausschließen, sondern sogar gegenseitig bedingen – davon ist Marcel Zelmanovitch, Firmengründer und Inhaber der „Teppichgalerie Diurne“ überzeugt. Und mit dieser Überzeugung revolutionierte der gelernte Maler und Künstler von Paris aus nicht nur die Welt der exklusiven Teppichexponate, sondern auch die der kleinen Manufakturen und Knüpfstühle im nepalesischen Katmandu.
Eigentlich an Leinwände und Farbtöpfe gewöhnt, verliebte sich Zelmanovitch Ende der 80er Jahre auf Reisen nach Katmandu in das feine, weiche Teppichmaterial und entdeckte sein Interesse für die lange Geschichte der Teppichkunst, die über tibetanische Mönche ihren Weg nach Nepal gefunden hatte. 1990 wurde aus dieser Liebe ein Lebensprojekt: Zelmanovitch startete mit einer eigenen Manufaktur in Katmandu. Anfangs fuhr der Künstler aus Paris, der sich fortan „Teppich-Herausgeber“ nennt, fast alle drei Monate in den Bergstaat am Himalaya. Mit dem Wachstum, das die Galerie Diurne in den vergangenen Jahren verzeichnet hat, ist das für den Chef heute nicht mehr machbar. Doch der enge Dialog zu den Mitarbeitern im fernen Nepal ist geblieben – und nicht selten kommen heute die Produzenten auch schon mal zu Geschäftsbesprechungen nach Paris.

Handarbeit statt Maschinen, Maßarbeit und Qualität statt Massenware, hochwertige Produkte statt billiger Erzeugnisse – das macht das Erfolgsgeheimnis der Galerie Diurne aus. Und ist zugleich eng mit der Geschäftsmoral verknüpft – denn Kinderarbeit gibt es bei Diurne nicht. „Das wäre auch gar nicht möglich“, sagt Zelmanovitch. „Diese Form der hochwertigen Handarbeit kann nur von äußerst erfahrenen und erwachsenen Knüpfern geleistet werden.“ Diese Erkenntnis, so Zelmanovitch weiter, habe sich inzwischen auch anderswo in Nepal durchgesetzt. „Immer mehr wird dort auf Qualität gesetzt, Kinderarbeit ist heute viel schwerer zu finden, als noch vor einigen Jahren.“
Dabei waren die Anfänge auch für die Galerie Diurne gar nicht so einfach. Die Idee, eine Schule in der Manufaktur vor Ort zu eröffnen, erwies sich schon bald als Fehlschlag. Die Eltern, die anfangs als Knüpfer dort beschäftigt waren, wollten, dass auch ihre Kinder mitarbeiten. „Das war eine ganz andere Einstellung damals“, erinnert sich Zelmanovitch, „ und es zeigt, dass es nicht immer nur die Unternehmer waren, die die Kinder zur Arbeit zwangen.“ Zelmanovitch jedenfalls lehnte das Ansinnen rundweg ab und beschäftigte nur noch solche erwachsenen Knüpfer, die bereit waren, ihre Kinder nicht mitzubringen.
Heute, 20 Jahre später, ist alles anders. Zelmanovitch hat vor Ort in Nepal ein eingespieltes Team aus erfahrenen Knüpfern, die allesamt stolz darauf sind, für Diurne zu arbeiten und hochwertige Erzeugnisse zu liefern. „Je komplizierter ein Muster ist, desto motivierter sind unsere Mitarbeiter“. Und neue Bewerber gibt es auch immer wieder. Denn die guten Arbeitsbedingungen und die angemessenen Löhne, die in der Manufaktur bezahlt werden, haben sich herumgesprochen. Zwischen 80 und 250 US-Dollar pro Quadratmeter bekommt ein Knüpfer je nach Raffinesse der Aufgabe – durchschnittlich sind pro Tag etwa fünf Zentimeter zu schaffen, sagt Zelmanovitch. Mit dem Lohn liege man um das 2-3fache über dem Mindestgehalt. Seit sieben Jahren tragen die Diurne Teppiche auch das RugMark- und jetzt das neue GoodWeave-Siegel. „Anfangs wollte ich da nicht mitmachen“, sagt Zelmanovitch, „weil ich es unzumutbar fand, dass man mir überhaupt unterstellt, ich könnte Kinder beschäftigen. Für mich war es einfach selbstverständlich, das nicht zu tun, und das meinen Kunden auch direkt zu erklären.“
Doch besonders die Kundschaft aus den USA, Großbritannien und Deutschland zeigte sich sensibel für das Thema. Und je größer Diurne wurde, umso schwieriger wurde es auch, jedem Kunden persönlich die eigene Geschäftsphilosophie nahe zu bringen. Und so entschied sich Zelmanovitch schließlich doch für das Siegel. Bereut hat er es bis heute nicht. „Ich finde es besonders gut, dass RugMark und jetzt GoodWeave sich zwar gegen Kinderarbeit einsetzen, nicht aber gegen die Teppichproduktion in Nepal.“ Denn die sei für das kleine Land als Wirtschaftszweig äußerst wichtig, weiß der Geschäftsmann aus Paris.
Jeder Teppich, der für Diurne produziert wird, ist ein aus handgesponnener Wolle geknüpftes Unikat. Gearbeitet wird mit Angora oder Mohair und mit Seide. Der Kunde bestimmt Farbe und Design seines Teppichs selbst. In der Pariser Zentrale entstehen die Modelle als detailgenaue Simulationen am Computer. Was mit soviel Akribie, Kreativität und Können hergestellt wird, hat natürlich auch seinen Preis: Zwischen 400 und 3200 Euro kann ein Teppich der Galerie Diurne pro Quadratmeter kosten. Doch die Kunden, die auf Diurne zukommen, können sich das leisten – darunter sind Luxushotels, aber auch Büros oder große öffentliche Einrichtungen, wie etwa das Kulturzentrum der Agha Khan Stiftung im kanadischen Ottawa. Dort entstand in Zusammenarbeit mit dem Architekten Teppichkunst, die nun Böden und Wände des Zentrums schmückt.
Denn tatsächlich ist ein Teppich von Diurne nichts, was man sich einfach unter den Tisch legt, oder das nur dazu dient, die Füße warm zu halten. Diurne setzt auf Teppichkunst, und dabei eben auch auf große Teppiche als Wanddekorationen. Und da werde die Nachfrage in jüngster Zeit immer größer, sagt Zelmanovitch: „Teppich sind von ihrem Ursprung her eigentlich Schmuckstücke. Jetzt kommt man wieder zurück auf die alte Tradition.“ Der Galerie Diurne in Paris, den Teppichknüpfern in Katmandu und den Kindern von Nepal soll es recht sein.